Sonderausstellung

 

Japanisches Glas heute

26. März – 8. Oktober 2017

 

Traditionell und hochmodern, versunken in der Stille und voll pulsierender Aktivität, faszinierende Landschaften und dynamische Metropolen. Japan ist vielfältig und einzigartig, aber vor allem ist Japan anders. Das gilt für Alltag, Arbeit und Architektur und natürlich auch für Kultur und Kunst.

 

Yoshiaki Kojiro

Mit seiner neuen Ausstellung taucht das Glasmuseum Frauenau tief in die Welt der zeitgenössischen japanischen Glaskunst ein und gibt dem von einer ganz eigenen Ästhetik geprägten Glas aus Japan nach langer Zeit wieder einmal ein Forum in Deutschland/Europa. Die letzte große Ausstellung zu diesem Thema fand 1993 im Kunstmuseum Düsseldorf statt.

 

Seitdem hat sich in Japan im Bereich des künstlerischen Glases ein entscheidender Wandel vollzogen. Der Beginn der Auseinandersetzung mit Glas als Ausdrucksmittel der Kunst war im Wesentlichen an europäischen und nordamerikanischen Vorbildern orientiert. Heute treten gerade die für die Ausstellung ausgewählten Künstler auf gänzlich japanische Art und Weise an den Werkstoff Glas heran. Dabei bringen die Künstler aus Tokyo, Toyama, Nagoya, Takayama und Hiroshima sehr klare Grundmuster im künstlerischen Denken zum Ausdruck.

Mica Okuno (vorne) und Masahiro Sasaki (hinten)

 

Die Ausstellung will ganz bewusst dem ursprünglichen ästhetischen Empfinden Japans nachspüren. Die japanische Ästhetik hat weltweit eine große Popularität erlangt, gilt aber immer noch für viele Europäer als fremdartig, höchst spirituell und gefühlsbetont. Die Interpretation dieser kulturspezifischen Werte ist für die Künstler dieser Ausstellung eine reizvolle Prämisse. Die Schau spannt jedoch den Bogen bis nach Europa. Denn neben den Arbeiten aus Japan findet sich eine Reihe von Werken japanischer Künstler, die in Europa leben, und europäischer Künstler, die eine Zeit lang in Japan gelebt und gearbeitet haben.

 

Kokoro – das Herz – ist der vielsagende Titel dieser Ausstellung. Künstler und Ausstellungsteam haben diesen Titel nach intensiven interkulturellen Diskussionen um den halben Erdball gemeinsam gewählt. Viel Herzblut, Leidenschaft und Durchhaltevermögen brauchte es auch, um die Ausstellung zu realisieren. Und so ist es umso bemerkenswerter, dass dem Besucher hier Glaskunst aus dem Land der aufgehenden Sonne präsentiert werden kann.

 

Gleich zu Beginn empfängt den Besucher die Spiegel-Installation von Harumi Yukutake mit dem Titel „Engi“. Es ist ein, wie die Künstlerin selbst sagt, „Viel-Glück-Objekt“, das Wohlstand und Freude bringen soll. Kriegerisch kommen dagegen die „Blade Men“ von Shunji Omura auf den ersten Blick daher. Doch sieht er das Schwert als Symbol der Selbstdisziplin. In der Sprache der Blumen begegnet wiederum Runa Kosogawa den Betrachtern ihrer hauchzarten gläsernen Blüten. Mit ihnen zeigt die Künstlerin die Schönheit im Kleinen und greift damit auf die japanische Überlieferung zurück, denn in der traditionellen japanischen Kunst und Dichtung wurden Pflanzen häufig thematisiert. Wie gläserne Mischwesen aus einer fremden Welt muten dagegen die Objekte von Masahiro Sasaki an. Voll unbekannter Faszination sind die Werke von Machiko Ito. Als Material für ihre Arbeiten benutzt sie ‚Glasgarn‘ aus industriellen Glasfasern, das gestrickt, verwebt und zu Objektformen gebündelt wird. Diese und noch viele weitere Exponate öffnen den Blick in die japanische Kunst.

 

Ein zweisprachiger Katalog stellt jeden Künstler samt einer Auswahl seiner Werke auf sehr persönliche Art und Weise vor. Der Autor und Kurator der Ausstellung, Norbert Kalthoff, hat dafür ganz individuelle Gedanken, Skizzen und Fotos aus der Lebenswelt der Künstler in einem intensiven Dialogprozess mit jedem Künstler gesammelt und mit großer literarischer Finesse aufbereitet.

 

Machiko Ito, En, 2014

 

Runa Kosogawa, Accumulated Memory 2013

 

Shunji Omura, Blade Men, 2012-2016

 

Masahiro Sasaki, Deep Forest #1606, 2016

 

Tsuyoshi Inoue, Hi no ma, Space of light, 2016

 

Die Künstler:

Yoko Miyata, Hiroshima

Yoshi Yamauchi, Kevelaer, Deutschland

Masami Hirohata, Nürnberg

Akira Nakagawa, Sapporo

Keiko Mukaide, Edinburgh, Schottland

Masahiro Sasaki, Nagoya

Yoshiaki Kojiro, Takayama

Harumi Yukutake, Tokyo

Tsuyoshi Inoue, Tokyo

Mica Okuno, Yokohama

Runa Kosogawa, Takayama

Ai Kigoshi, Tokyo

Shunji Omura, Tokyo

Machiko Ito, Toyama

Jin Hongo, Toyama

Lada Semecka (CZ – Artist in Residence am Toyama Institute of Glass Art)

Mare Saare (EST – Artist in Residence am Toyama Institute of Glass Art)

 

Als spannende Ergänzung der Informationen über zeitgenössische japanische Glaskunst sei an dieser Stelle auf die ALEXANDER-TUTSEK-STIFTUNG in München verwiesen:

 

 

Ausstellung in der Alexander Tutsek-Stiftung

„lebenswelt | life-world“

Zeitgenössische Kunst aus Japan in der Alexander Tutsek-Stiftung in München/ Fotografien von Rinko Kawauchi und Skulpturen von 21 japanischen Künstlern / Installation von Tadao Ando

Sachi Fujikake, Vestiges, 2012

Shima Koike Foto: H.-J. Becker

Ausstellungsansicht Foto H.-J. Becker

 

 

 

 

 

 

 

 

München. Unter dem Titel „lebenswelt | life-world“ zeigt die Alexander Tutsek-Stiftung in München vom 20. Januar bis zum 30. Juni 2017 zeitgenössische Skulpturen japanischer Künstlerinnen und Künstler sowie Fotografien der japanischen Fotografin Rinko Kawauchi. Subjektive Alltagserfahrungen, zeitliche Abläufe in der Natur, die zwischenmenschliche Kommunikation stehen im Mittelpunkt der Kunstwerke aus Japan.

 

Rinko Kawauchi (geboren 1972 in Shiga, Japan) ist in ihrem Heimatland eine bedeutende Künstlerin. In Europa und den USA ist sie bisher nur Eingeweihten bekannt. In ihren Fotografien verwandelt sie Alltag oder Natur in etwas atemberaubend Neues. Aus der Serie „Ametsuchi“ zeigt die Ausstellung großformatige Fotografien. Reduzierte Landschaftsbilder von traditioneller Brandrodung thematisieren anhand der zerstörerischen, gleichzeitig verjüngenden Kraft des Feuers, das Verhältnis von Mensch, Natur, Zeit. Weiterhin werden aus der Serie „Illuminance“ kleine, intime Fotografien gezeigt. Hier widmet sich Rinko Kawauchi – basierend auf persönlichen Erfahrungen – sanft, teils auch verstörend, alltäglichen Dingen oder Tätigkeiten. Durch die Wahl der Ausschnitte und Perspektiven und den subtilen Einsatz von natürlichem Licht in Kombination mit oft durchscheinenden Farben hat Rinko Kawauchi in ihrer Fotografie eine ganz eigene Charakteristik und Sprache gefunden. Ihre Werkgruppen lassen den Betrachter die alltägliche Umwelt bewusster, weiter und mit veränderten Augen sehen.

 

Die zusammen mit den Fotografien gezeigten Skulpturen verstärken diese Empfindung. In einem in der Kunst eher ungewöhnlichen Medium – dem vielschichtig zu verarbeitenden Material Glas – gehen sie auf unmittelbare, subjektive Erfahrungen des Menschen ein. Die für die Ausstellung von der Stiftung angekauften Objekte der 21 Künstlerinnen und Künstler sind fast alle zum ersten Mal außerhalb Japans zu sehen.

 

Die Installation „Form of Water“ aus freigeformtem und formgeschmolzenem Glas von Naomi Shioya zeigt Spuren, die das Wasser auf der Erde hinterlässt, ähnlich den Spuren der Zeit im menschlichen Leben. Auseinandersetzungen mit Phänomenen in der Natur finden sich auch bei Kana Tanaka mit ihrer lichten Installation „Petal Stream“ (Blütenfluss).

 

Die Daseinswelt von menschlichen Behausungen wird in einer dreiteiligen Installation von dem Architekten Tadao Ando dargestellt. Die Stelen aus aquamarinblauem Glas wirken wie Hochhäuser. Die Installation vereint gedrehte Variationen der einfachen Grundform des Dreiecks mit unterschiedlichen traditionellen Schleiftechniken. Das Werk ist einfach, zugleich aber komplex, entsprechend der minimalistischen Baukunst des Architekten. Tadao Ando (75) zählt zu den weltweit wichtigsten zeitgenössischen Architekten und wurde unter anderem mit dem renommierten Pritzker-Preis ausgezeichnet.

 

Künstler wie Yuko Fujitsuka und Sayo Fujita betonen in ihren Häuser-Skulpturen den Rückzugsort und geben ihren Arbeiten Titel wie „One week for meditation“ oder „Hokora“ (Schrein). Um größere Zusammenhänge in der Welt geht es Shima Koike mit ihren Fabelwesen („The world in my hands“) sowie Kyoko Hirako mit ihrer Installation „Sink into my mind“ aus geblasenen Glaskugeln. Die schon vor einigen Jahren von der Stiftung entdeckte Künstlerin Masayo Odahashi stellt eindrucksvoll komplexe seelische Zustände mit wortlos kommunizierenden Figuren dar. Besondere Wege im Umgang mit der Materialbeschaffenheit des Glases gehen Yoshiaki Kojiro und Sachi Fujikake. Ihre experimentellen Techniken verschaffen ihren Objekten eigene Gesetzmäßigkeiten, als würden sie zu einer anderen Welt gehören. Kojiro nennt sein aufgeschäumtes Glasobjekt schlicht „Be“.

 

Der Titel der Ausstellung „lebenswelt | life-world“ ist eine Anspielung auf das gleichnamige Konzept in der Phänomenologie. Damit ist die Welt gemeint, wie sie unmittelbar und direkt in der Subjektivität des alltäglichen Lebens erlebt wird (Edmund Husserl). Diesen Ansatz, alltägliche Phänomene individuell aber auch in ihrem sozialen und kommunikativen Kontext (Jürgen Habermas) wahrzunehmen, visualisieren die für die Ausstellung ausgewählten Kunstwerke.

 

Die Alexander Tutsek-Stiftung fördert Kunst und Wissenschaft. Sie wurde im Dezember 2000 von Alexander Tutsek und Dr. Eva-Maria Fahrner-Tutsek als gemeinnützige Stiftung in München gegründet. Die Stiftung engagiert sich unter ihrem übergreifenden Programm „Kunst und Wissenschaft“ ganz bewusst für das Spezielle, das Besondere oder auch das Vernachlässigte, Übersehene.

Information

Titel der Ausstellung: „lebenswelt I life-world“

Dauer der Ausstellung: 20. Januar 2016 bis 30. Juni 2017

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14-18 Uhr, feiertags geschlossen.

 

Alexander Tutsek-Stiftung

Karl-Theodor-Straße 27 Ÿ 80803 München Ÿ Tel. +49 (0)89 – 55 27 30 60

info@atstiftung.de Ÿ www.atstiftung.de